~ TAZ MAY 8TH 2004

Mário Lúcio Sousa

Archipel der Emigranten
(TAZ May 8th 2004)

BY STEFAN FRANZEN

..."Flüssige, blaue Wüste" als Synonym für den Ozean - solche Poesie kreiert auch Mário Lúcio Sousa, der sich als Postmodernist sieht: "In meinen Gedichten ist nicht ständig von Dürre, Traurigkeit oder Tod, Verlassenheit und Emigration die Rede. Ich will neue Konzepte, neue Metaphern", stellt er klar - und setzt sich damit von der "Claridade" ab, jener lange vorherrschenden kreolischen Literaten-Bewegung aus den 1920ern.

Seinen Versen kann man nicht nur in portugiesischsprachigen Gedichtbänden nachhorchen, sie erklingen ebenso in den Liedern der Gruppe Simentera, die Mário Lúcio Sousa auf Kriolu dichtet. Die neunköpfige Gruppe, der er vorsteht, ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. "Es war die Strategie der Kolonialherren, die afrikanischen Referenzen in unserer Musik zu unterdrücken. Erst nach der Unabhängigkeit haben wir gemerkt, dass wir mit einem kranken, völlig blinden Auge umhergelaufen waren. Simentera hat dieses Auge wieder geöffnet", erläutert Mário Lúcio Sousa.

Simentera haben afrikanische Instrumente wie Djembé, Tamburine, Clave sowie die Batuco- und Tabanka-Rhythmen aus der Vergessenheit hervorgeholt und kombinieren sie nun mit kollektivem Gesang, ein innovativer Kniff. Bekäme die Tradition keine neuen ästhetischen Impulse, so Sousa, dann sei die Musik der Kapverden dazu verurteilt, zu reiner Exotik zu verkümmern.

Früher Drehscheibe des Sklavenhandels, heute Brennpunkt einer trikontinentalen Kultur-Métissage, so sieht er seine Heimat. Deshalb hat er für das neue Simentera-Opus "Tradictional" prominente Namen aus allen Erdteilen versammelt, darunter Portugals Jazz-Ikone Maria João oder Senegals Reggae-Legende Touré Kunda.

Der wichtigste Aspekt an Mário Lúcios Arbeit jedoch: Er ist in der Heimat geblieben. Er brauche seine Insel Santiago mit all ihren Schwierigkeiten, sagt er, um überhaupt schaffen zu können: "Die Emigration wird die Kapverden niemals leeren", so seine feste Überzeugung. "Meine emigrierten Landsleute verlieren nie ihre Leidenschaft für die Heimat. Andererseits", schränkt er ein: "Selbst wenn wir eines Tages alles Geld besäßen, das wir woanders erwerben müssen, hätten wir trotzdem immer Lust, wegzufahren. Unsere Vorfahren kamen aus Afrika und Europa und da ist etwas, was uns ruft, andere Nationen zu besuchen. Cabo Verde ist ein Fenster." ...

Teofilo Chantre: "Azulando" (Tropical Music/BMG); Simentera: "Tradictional" (Mélodie/Fenn); Lura: "Di Korpu Ku Alma" (Lusafrica/Sunny Moon); Terezinha Araújo: "Nôs Riqueza" (www.malagueta-music.com)